Mentale Stärke, Emotionen & Gewohnheiten.
LSBB | Paddy Kälin
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Paddy Kälin ist seit 26 Jahren beim SRF und vielen als Sportmoderator bekannt. Der studierte Sportwissenschaftler der ETH war Sportlehrer und Schulleiter einer Sportschule und arbeitet heute neben dem Fernsehen als Mentalcoach. In Folge 23 von LIFESTYLE by BUSINESS erklärt er, warum du Nervosität nicht loswerden musst, weshalb Disziplin allein nicht reicht und wie du neue Gewohnheiten aufbaust, die bleiben.
Was bedeutet mentale Stärke wirklich?
Bei den Top 100 im Tennis sind alle athletisch und technisch auf einem ähnlichen Niveau. Den Unterschied macht der Kopf. Für Paddy heisst mentale Stärke deshalb, sein Potenzial dann abrufen zu können, wenn es zählt. Dabei geht es nicht um ein Knöpfchen, das du drückst. Mentales Training funktioniert wie Lernen. Du übst, du wiederholst, du wirst besser.
Früher hatte das Thema ein Stigma. Beim Krafttraining käme niemand auf die Idee, dich als Schwächling zu bezeichnen. Beim Kopf war das lange anders. Heute ist Mentaltraining im Spitzensport und im Business salonfähig. Zu Paddy selbst kam es aus purer Neugier, weil der «Teil zwischen den Ohren» in seinem Sportstudium nur gestreift wurde.
Nervosität loswerden? Warum du sie besser umarmst
Vor einem wichtigen Auftritt wollen die meisten nur eines: nicht nervös sein. Paddy sieht das anders. Nervosität gehört zum Kampf-Flucht-System deines Körpers und macht dich leistungsfähiger. Wenn du dagegen ankämpfst, hast du zwei Energiefresser. Die Nervosität selbst und den Ärger darüber.
Sein Vorschlag ist einfacher. Sag dir innerlich «Ich bin jetzt nervös» und nimm sie an. Im besten Fall begrüsst du sie sogar mit «Hey Merci, bist du da». Als SRF-Moderator erlebt er regelmässig, wie gut das ankommt. Sagt ein Gast im Studio offen «Ich bin mega aufgeregt», verzeihen ihm die Zuschauer jeden Hänger. Das ist menschlich und kommt viel näher an die Leute heran.
Wie du dich bei Nervosität mit der Atmung beruhigst
Abregulieren statt verdrängen, so nennt Paddy den Weg. Der einfachste Hebel ist die Atmung. Wenn du länger aus- als einatmest, beruhigt sich dein Herz, und dein Herz beeinflusst dein Hirn. Es wirkt also von unten nach oben. Dazu kommt Achtsamkeit. Du merkst, dass deine Gedanken abschweifen, und kommst immer wieder zur Atmung zurück.
Fang klein an. Niemand startet mit 200 Kilo in der Kniebeuge. Bei der Atmung ist es genauso. Ein paar ruhige Minuten reichen für den Anfang, solange du dranbleibst. Und es ist nie zu spät. Auch mit 70 lässt sich das trainieren.
Emotionen regulieren und Kindern ein Werkzeug mitgeben
Eine Emotion ist ein unbewusstes Handlungsprogramm deines Körpers. Das Gefühl kommt erst danach, wenn du es wahrnimmst. Alle Emotionen haben eine Funktion. Angst sorgt zum Beispiel für Sicherheit. Paddy vergleicht sie mit einem Werkzeugkoffer, in dem du jedes Werkzeug brauchst.
Genau darum findet er Sätze wie «Ein Bub weint nicht» heikel. Einem Kind nimmt so ein Glaubenssatz ein Werkzeug weg. Die Trauer verschwindet nicht, sie kommt dann als Ärger raus. Besser ist es, Gefühlen Raum zu geben und trotzdem Leitplanken zu setzen. An der Kasse liegen die Süssigkeiten nicht zufällig auf Kinderhöhe. Das Nein bleibt ein Nein, aber du nimmst das Bedürfnis ernst und bietest eine Alternative an, etwa einen Fruchtsalat oder einen Spaziergang.
Bei Erwachsenen hilft oft schon durchatmen oder von drei rückwärts zählen. Dazu kommt der Perspektivenwechsel. Du hast den Kaffee nicht bekommen? Vielleicht ist der Mensch hinter der Theke einfach überlastet. Ärger darfst du dabei durchaus spüren und zeigen. Er sollte dich nur nicht steuern.
Neue Gewohnheiten aufbauen ohne Disziplin-Krampf
Gewohnheiten sparen Energie, und eine neue Reaktion kostet Energie, bis sie zum Automatismus geworden ist. Mit Disziplin allein kommst du dabei nicht weit. «Wenn du viel davon brauchst, ist möglicherweise dein Setting noch nicht gut», sagt Paddy.
Er empfiehlt die vier Gesetze aus «Atomic Habits» von James Clear. Mach die Gewohnheit offensichtlich, zum Beispiel mit dem Buch auf dem Kopfkissen und den Guetzli ausser Sichtweite. Mach sie attraktiv, indem du sie mit etwas Liebgewonnenem koppelst, etwa 15 Minuten Instagram erst nach dem Lesen. Mach sie einfach, mit der Zwei-Minuten-Regel und dem Ziel, jeden Tag ein Prozent besser zu werden. Und mach sie befriedigend mit einer kleinen Belohnung.
Der stärkste Hebel ist die Identität. «Wer will ich sein?» bewirkt mehr als ein reines Ziel. Wer sich als jemand versteht, der liest oder sich bewegt, muss sich weniger überwinden. Ein Tipp aus der Praxis. Frag dich bei einer Entscheidung dreimal «Will ich das?», jedes Mal mit einer anderen Betonung. Deine Antwort darauf sagt dir viel.
Im zweiten Teil wird das Gespräch persönlicher.
Paddy beschreibt sich als grossen Fan des Zufalls. Seine Zukunft hat er nie geplant. Als Student bewarb er sich beim SRF, obwohl er keinen journalistischen Hintergrund hatte, und blieb 26 Jahre. Zum Coaching kam er über den Esstisch. Dort lag das Lehrmittel der Weiterbildung seiner Frau, einer Hypnosetherapeutin. Er blätterte rein, machte «das volle Programm», und irgendwann fragte sie ihn, warum er das eigentlich nicht anbiete. «Ich erlaube mir den Luxus, planlos zu sein», sagt er.
Planlos heisst bei ihm nicht ziellos. Er beschreibt vier Grundbedürfnisse als Vierzimmerwohnung. Zugehörigkeit, Kontrolle und Sicherheit, Autonomie und Einfluss, Freiheit und Leichtigkeit. Schwierig wird es, wenn du ein Zimmer nie betrittst.
Seinen Alltag hält er mit kleinen Routinen zusammen. Jeden Tag etwas Bewegung ohne Plan, fast täglich das Klavier, das offensichtlich in der Stube steht, und jeden Morgen aufstehen, um seine Töchter vor der Schule zu sehen. Den beiden gibt er mit, dass das Leben bunt ist, dass sie ihr Bestes geben sollen und neugierig bleiben.
Zum Schluss erzählt er von der Tada-Liste (alles, was gelungen ist). Unser Hirn fokussiert auf Probleme, und abends läuft der Autopilot nur noch auf Negatives. Eine Tada-Liste hält dagegen fest, was heute geklappt hat, auch die Kleinigkeiten. Für Paddy ist sie mindestens so wertvoll wie eine To-do-Liste.
Fazit
Mentale Stärke ist für Paddy kein Talent, sondern ein Training. Du musst Nervosität nicht wegmachen, du darfst sie nutzen. Du musst nicht mehr Disziplin aufbringen, sondern dein Setting verbessern. Und du kannst klein anfangen, bei der Atmung, bei einer Gewohnheit, bei einer Tada-Liste am Abend. Was wäre möglich, wenn du Nervosität nicht mehr bekämpfst, sondern umarmst?
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