Beruf & Berufung – wenn Arbeit keine Arbeit ist.

LSBB | Mathias Morgenthaler
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Mathias Morgenthaler zu Besuch im Business und Lifestyle Podcast: Lifestyle by Business mit Host Michael 'Mike' Bissig.

Mathias Morgenthaler hat in über 25 Jahren als Journalist beim Bund und beim Tages-Anzeiger mehr als 1000 Interviews zum Thema Beruf und Berufung geführt. Heute arbeitet er als Autor und Coach und begleitet Menschen in beruflichen Umbruchphasen, unter anderem Spitzensportlerinnen und Spitzensportler von Swiss Olympic. In dieser Folge spreche ich mit ihm darüber, was Berufung wirklich bedeutet, warum die meisten von uns zuerst eine Anpassungskarriere durchlaufen und weshalb Sicherheit oft die teuerste Illusion ist, die wir uns leisten.

Berufung ist kein Ziel, sondern ein Suchprozess

Berufung hat für viele einen fast religiösen Beiklang. So meint es Mathias nicht. Für ihn geht es um Lebendigkeit, um Sinn und um die Frage, wie viel von dir als Person eigentlich in dem steckt, was du jeden Tag tust. Es ist die Schnittstelle zwischen deiner eigenen Biografie, deinen Themen und einer Tätigkeit, in der du dich entwickeln kannst.

Wichtig ist ihm dabei ein Punkt, der viele überrascht: Man findet seine Berufung nicht einmal und ist danach fertig. «Berufung ist für mich nichts, wo man irgendwann sagen kann, ich habe es jetzt gefunden. Es ist ein Suchprozess.» Und man findet sie auch nicht durch Nachdenken. Man findet sie durch Ausprobieren.

Die Anpassungskarriere und was sie kostet

Der Begriff, der im ganzen Gespräch am stärksten hängen bleibt, ist die Anpassungskarriere. Gemeint ist die Phase, in der wir vor allem Erwartungen erfüllen. Gute Noten, ein solider Abschluss, ein Job, der im Lebenslauf gut aussieht, dann die nächste Stufe. Das funktioniert oft erstaunlich gut, sagt Mathias. Die Frage ist nur, was dabei mit dir passiert.

Er beschreibt es so: «Wir entwickeln sehr früh feine Sensoren dafür, was im Aussen gefragt ist und wie wir uns verhalten müssen, um Anerkennung zu bekommen. Der innere Sensor dafür, was uns als Person ausmacht, bleibt dagegen oft unterentwickelt. Das rächt sich später.» Er erzählt von Managern, die durch eine Umstrukturierung ihren Job verloren und danach sagten, sie seien von einem Tag auf den anderen niemand mehr gewesen. «Wenn du dich fest an deinem Output orientierst, den du nach aussen darstellst, ist das einfach sehr dünnes Eis.»

Besonders unbequem ist seine Beobachtung, dass die Rechnung fast nie aufgeht. In über 1000 Interviews hat er praktisch nie erlebt, dass sich jemand jahrelang aufopfert, den Status erreicht und dann tatsächlich zufrieden ist. «Das ist eine Projektion. Eine Welt, in der man die Qualität des Lebens immer auf später verschiebt.»

Leidensdruck und Sehnsucht

Was bringt Menschen dann wirklich in Bewegung? Mathias sieht im Wesentlichen zwei Kräfte. Die eine ist Leidensdruck. Das sind die Leute, die irgendwann in eine Wand fahren, weil Körper oder Psyche streiken. Der Vorteil: Die Sache ist klar, es gibt keine Alternative mehr. Der Nachteil: Es dauert lange, bis man wieder in seine Kraft kommt.

Die andere Kraft ist Sehnsucht. Ein Film, ein Interview, eine Begegnung, und plötzlich ruft etwas. Er erzählt von einer Frau, die im Backoffice eines Architekturbüros arbeitete und ein kleines Inserat sah, in dem Laienschauspielerinnen gesucht wurden. Sie hatte ein Kribbeln in den Armen und wusste: «Da muss ich hin. Später spielte sie die Hauptrolle in einem Innerschweizer Film. Der Kopf hatte darauf noch keinen Reim, der Körper schon.»

Dazwischen liegt das, was Mathias am meisten beschäftigt. Nämlich die vielen, die weder das eine noch das andere zulassen und einfach bleiben. Er zitiert dazu den New-Work-Begründer Frithjof Bergmann: «Die meisten Leute sind dreiviertel tot, lang bevor sie begraben sind.»

Werde nicht zum Verwalter des eigenen Lebens

Einer seiner bekanntesten Sätze lautet: Werde nicht zum Verwalter des eigenen Lebens. Damit meint er die rein ökonomisch-administrative Sicht auf den Beruf. Was ist sicher, wo habe ich ein stabiles Einkommen, wie sieht das im Lebenslauf aus, was muss ich für die Vorsorge tun? Nichts davon ist falsch. Problematisch wird es, wenn es das Einzige ist.

Denn Mathias ist überzeugt, dass alle Sicherheitsversprechen letztlich Illusionen sind, weil das Leben gerade in den wichtigen Dingen unsicher bleibt.

Eine Frage stellt er im Coaching immer wieder, und sie trifft die meisten unvorbereitet: Dürfte es auch leicht gehen? Viele tragen die Prägung mit sich, dass Arbeit anstrengend sein muss, sonst zählt sie nicht. Sein Gegenmodell ist ein Zitat, das er dem bekannten Konfuzius-Spruch vorzieht: Erfolg ist, wenn du nicht mehr sicher weisst, ob du arbeitest oder spielst.

Sein, Tun, Haben statt umgekehrt

Die übliche Reihenfolge lautet: Ich mache viel, damit ich etwas habe, und dann bin ich jemand. Mathias dreht das um, frei nach Erich Fromm. Zuerst verstehen, was mich bewegt und was ich kann. Daraus entsteht das Tun. Und daraus entsteht dann auch das Haben.

Wie das praktisch aussieht, zeigt er am Beispiel eines Grafikers, der ständig vor dem Bildschirm sass und Sehnsucht nach Natur hatte. Er ging drei Monate in den Wald und in die Berge, baute dort Figuren aus Blättern, Eis und Steinen und fotografierte sie, bevor der Wind sie wieder wegfegte. Aus den Bildern entstand ein Büchlein, das sich verkaufte, und irgendwann sogar eine Briefmarkenserie der Post. Er hatte kein Ziel. Er folgte einem Impuls und machte danach etwas daraus.

Genauso wichtig: Es braucht keinen radikalen Schnitt. Die Vorstellung vom Leben A und Leben B, zwischen denen man per Schalter umlegt, hält Mathias für die schwierigste und unrealistischste Form der Veränderung. Er plädiert für kleine Schritte mit tiefen Hürden. Einen Tag jemanden besuchen, der das macht, wovon du träumst. Ein Ferienprojekt. Ein Pensum von zehn Prozent. Erfahrung statt Konzept. Denn solange du zu hundert Prozent im alten Leben steckst, kannst du gar nicht wissen, was dir sonst noch entspricht. Er zitiert dazu die Schauspielerin Hanna Schygulla: «Das Leben antwortet mit Zufällen, wenn ein Wunsch aufsteigt, der stark genug ist.»

Im zweiten Teil wird das Gespräch persönlicher

Mathias erzählt von seinem Vater, einem Mann mit starker künstlerischer Veranlagung, der aus einer angesehenen Familie voller Juristen kam und in einem Bundesamt landete. Die Kraft, sich gegen den dominanten Grossvater aufzulehnen, hatte er nicht. Was blieb, war ein Leben, in dem am Mittagstisch über die Umstände geschimpft wurde, während das eigentliche Problem ein ungelebtes Leben war. Mathias sagt offen, wie viel Leiden das für die ganze Familie bedeutet hat und wie stark es ihn für sein Thema sensibilisiert hat.

Er spricht auch über die Folgen für sich selbst. Über seine Harmoniesucht, über das Auseinanderbrechen seiner Ehe als Moment, in dem ihm klar wurde, wie viel unausgesprochen geblieben war, und über das Learning, die eigene Wahrheit auszusprechen und in Kauf zu nehmen, dass es dafür nicht immer Applaus gibt.

Und wir reden über seinen Alltag. Kein Termin vor halb zehn, ein bewusster Übergang vom Schlaf in den Tag, in der letzten Stunde vor dem Zubettgehen kein Bildschirm mehr. Dazu Notizen von Hand auf einem elektronischen Notizbuch und die Übung aus der positiven Psychologie, am Abend drei gute Dinge des Tages festzuhalten. Seiner Tochter, die gerade ein Zwischenjahr macht, will er vor allem zwei Dinge mitgeben: Freiraum und bedingungslose Liebe.

Fazit

Diese Folge liefert kein Rezept und verspricht auch keines. Mathias sagt selbst, er habe die Methode nicht, an deren Ende die Berufung herausspringt. Was er hat, sind 1000 Lebensgeschichten und daraus ein sehr klares Bild davon, was Menschen bereuen. Nicht die Fehler. Sondern die Dinge, die sie nicht getan haben, und die Momente, in denen sie sich verbogen haben, weil sie sich nicht getraut haben, für sich einzustehen.

Für ihn persönlich ist Erfolg heute daran messbar, ob er am Abend abgestumpft und genervt ist oder lebendig. Ob nach einem intensiven Arbeitstag noch Lust auf ein Gespräch mit Partnerin und Tochter da ist. Das ist ein unspektakulärer Massstab. Aber er ist ehrlicher als jede Zahl auf dem Konto.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Frage aus dieser Folge: Wie viel von dir bleibt auf der Strecke, wenn du dein Leben nur noch verwaltest?

 

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Michael Bissig

Michael «Mike» Bissig ist Unternehmer, Coach, Autor und Host des Podcasts «LIFESTYLE by BUSINESS». Mit FOKUS. HANDWERK, der BITE47 und LSBB hilft er Unternehmerinnen und Unternehmern, ein Business zu gestalten, das zu ihrem Leben passt. Mit Klarheit, Disziplin und cleveren Systemen.

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